Zuerst muss die Wahrheit raus: In einem anderen Leben war Tommie Goerz promovierter Soziologe (also Doktor) und hieß von Geburt an Marius Kliesch. Um sein Langzeitstudium über 24 Semester zu finanzieren, arbeitete er in den unterschiedlichsten Jobs (Tankwart, Umzugshelfer, Postsortierer etc.). Gemalt hat er natürlich auch, und Musik auf allerlei Instrumenten gemacht. Krimis zu schreiben, fing er erst relativ spät an: Ab 2010 schickte er unter seinem Pseudonym Tommie Goerz den Nürnberger Kommissar Friedo Behütuns in insgesamt zehn Fällen zum Schafkopf, zum Schlachttag, zum Stammtisch. Die Regionalkrimis waren tief verwurzelt in Tommies fränkischer Heimat, aber die Bücher bedienten nicht nur die üblichen Klischees von deftigem Essen und schrulligen Leuten, sondern der Autor hatte auch ein Gespür dafür, was unter der Oberfläche fault. Die berühmten menschlichen Abgründe, in die seine Charaktere immer wieder stolperten.
Tommie kannte seine Heimat Franken genau, samt der Risse und Abgründe, und die meisten seiner Geschichten spielen hier. Er hat sie auch durchwandert. Und so sind mit dem Fotografen Werner Appelt die Bücher „In fränkischen Wirtshäusern“ und „Tante Emma lebt. Zu Besuch in fränkischen Läden“ entstanden. Beide Bücher werfen einen liebevollen Blick auf Kulturen, die langsam verloren gehen. Ja, ein bisschen Wehmut steckt in allen Büchern von Tommie Goerz.
Persönlich kennengelernt habe ich ihn bei einem Krimi-Stammtisch, den er bei sich zuhause in Erlangen veranstaltete. Genauer gesagt: im schön verwilderten Garten hinter seinem Holzhaus. Mein Zug hatte Verspätung, deshalb waren die Bratwürste schon aus. Eigentlich schlechte Voraussetzungen, um sich kennenzulernen, aber okay: Das Bier war gut. Für die Genüsse des Lebens hatte Tommie auch was übrig, und bei ihm zuhause hätte man nie ein schlechtes Bier bekommen. Tatsächlich braute er drei- bis viermal im Jahr selbst welches ein, und er hatte auch eigene Schnäpse. Im Piemont lernte er Melken und Käsen. Es bestand also auch ohne Bratwürste kein Mangel.
Später wurden wir ungeplant verbunden: Tommie und ich waren die ersten Franken, die sowohl den GLAUSER-Preis in der Sparte „Roman“ erhielten, als auch auf der Krimi-Bestenliste von Deutschlandfunk Kultur erschienen. Das löste aber bei uns beiden zum Glück keinen der immer noch verbreiteten Hahnenkämpfe aus, sondern wir kommunizierten entspannt miteinander. Vor allem, wenn wir persönlich aufeinandertrafen. Und tatsächlich waren seine späten Krimis „Meier“ und „Frenzel“ noch mal eine andere Hausnummer als seine sowieso schon guten Regionalkrimis um Kommissar Behütuns. Tommie Goerz wurde einfach immer besser, und seine literarische Handschrift immer klarer.
Und so kam es, dass ihm das Krimi-Genre zu eng wurde. Der Roman „Im Tal“ erzählt die Geschichte Anton Rossners, der 1897 auf einem abgelegenen Bauernhof in der Fränkischen Schweiz das Licht der Welt erblickt, aber gleich zu Beginn des Buches, sitzt er 71 Jahre später erfroren am Tisch. Ein dunkler Text von unglaublicher Wucht. Ein Meisterwerk. Es generierte mehr Aufmerksamkeit, als alle vorherigen Bücher Tommies. Aber mit der Stunde des Erfolgs kam auch die Erkrankung. Schlimme Pointen hält das Leben bereit.
Für den Herbst 2023 hatte ich Tommie Goerz für eine Lesung zum Lesefest Die Dunkle Seite nach Hof eingeladen. Ein paar Wochen vorher musste er absagen, weil er eine Diagnose erhalten hatte, die ihn in den nächsten Monaten beschäftigen würde. Wie er es mit viel Haltung ausdrückte. Umso mehr freute ich mich, als er meine Lesung bei der CRIMINALE 2024 in Hannover besuchte, obwohl es ihm, noch sehr angegriffen von der Krankheit und den Behandlungen, durchaus Mühe bereitete. Ich fühlte mich geehrt. Seine eigene Lesung aus „Im Tal“ holten wir ein Jahr später als geplant im Herbst 2024 nach. Tommie überzog im rustikalen Polka Café, in dem er sich sichtlich wohl fühlte, gnadenlos die abgesprochene Zeit, und fragte, dann das Publikum, ob es noch mehr hören wolle. Natürlich wollten das alle. Tommie war auch ein sehr guter Performer.
Trotz seiner Erkrankung hat Tommie nie aufgehört zu schreiben. Im Jahr 2025 erschien „Im Schnee“, das schnell zum auch von der Kritik gefeierten Bestseller wurde. Es spielt im Fichtelgebirge – also gleich bei mir um die Ecke. Im Zentrum steht die Totenwache für den Schorsch. Es werden viele Geschichten erzählt, und es geht viel um’s Abschied nehmen.
Am 14. März 2026 ist Tommie Goerz gestorben. Er wurde so alt wie Anton Rossner, der Protagonist des Romans „Im Tal“. Tommie hat bis zuletzt geschrieben. Ein letzter Roman soll posthum erscheinen. RIP
Roland Spranger