Verlorene Seelen
Ein Fall für Franziska Frey
Eva Geßner
DP DIGITAL PUBLISHERS
Niemand, der ihnen hilft. Und ein Monster auf der Jagd.
Packend, nervenaufreibend, spannend: Ein neuer Fall für Franziska Frey
Eine junge obdachlose Frau wird tot auf einem Spielplatz gefunden – erwürgt, missbraucht und ihr rechter Fuß abgetrennt. Ein Verbrechen, das Kommissarin Franziska Frey zutiefst erschüttert. Doch während die Ermittlungsarbeiten auf Hochtouren laufen, schlägt der Täter erneut zu – nach dem selben brutalen Muster. Für Franziska ist umgehend klar: Es handelt sich um einen Serienmörder. Kommissarin Frey und ihr Team stehen vor einem Rätsel. Es gibt kaum brauchbare Hinweise auf den Täter. Doch plötzlich überschlagen sich die Ereignisse und Tessa Anders gerät in das Visier des Mörders. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt …

© Theresa Wallrath
Eva Geßner
Eva Geßner wurde 1968 im Rheinland geboren und wohnt in Köln.
Ihre erste Kurzgeschichte schrieb sie bereits als 10-jährige.
„Ich hatte schon lange vor, ein Buch zu schreiben. Seit der Uni. Aber da ich zwischen fünf und sieben Uhr morgens nicht kreativ sein kann, wurde jahrelang nichts draus.“
2014 hat sie dann Job und Karriere als IT-Beraterin an den Nagel gehängt, um zu schreiben. Neben einigen Kurzgeschichten entstand so ihr erster Thriller Niemand wird dich hören.
Das Schreiben ist ein fester Bestandteil ihres Lebens geworden. Die nächsten Projekte sind bereits in Planung.
Fragen der SYNDIKATS-Redaktion an Eva Gessner
Wo schreibst du am liebsten?
In meinem Arbeitszimmer, ganz in Ruhe, ohne Ablenkung.
Welcher ist dein Lieblingskrimi?
Die Chemie des Todes von Simon Beckett.
Dein Lieblingskollege/Lieblingskollegin?
Mathias Berg.
Warum bist du im SYNDIKAT?
Weil es eine große Bereicherung ist, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzten.
Dein Sehnsuchtsort?
Nordsee.
Dein Lieblingsgetränk?
Weißwein.
Wo findest du Ruhe?
Am Meer, zu Hause.
Deine persönlich meist gehasste Frage?
Kannst du vom Schreiben leben?
Leseprobe
Betty warf einen Blick auf die Uhr. Es war an der Zeit aufzubrechen, bevor sie rausgeschmissen wurde. Sie legte DEN SPIEGEL zurück auf das Tischchen mit den Zeitungen, zog das Aufladegerät für ihr Handy aus der Steckdose und griff nach ihrem Rucksack. Zu lange schon saß sie in dem Café und die Kellnerin verlor allmählich die Geduld, wie man an ihrem säuerlichen Gesichtsausdruck unschwer erkennen konnte. Ein Getränk in zwei Stunden war ihr dann doch zu wenig Umsatz und ein viertes Mal wollte Betty nicht gefragt werden, ob sie noch einen Wunsch hatte.
Wünsche hatte sie viele, einen warmen Tee zum Beispiel oder ein Stück von dem Apfelkuchen, der so verführerisch nach Zimt duftete. Aber sie konnte sich weder das eine noch das andere leisten. Sie gab Loki ein Zeichen und sie brachen auf.
Wenn ihr vor wenigen Monaten jemand erzählt hätte, dass ein Stück Kuchen in einem Café, eine warme Mahlzeit am Tag oder der Zugang zu einer sauberen Toilette für sie zu einer täglichen Zerreißprobe werden würde, sie hätte wahrscheinlich nur den Kopf geschüttelt und gelacht. Doch diese Zeiten waren vorbei. Und seit ihrer Flucht hatte sich ihr Leben radikal verändert.
Als Betty vor die Tür trat, fröstelte sie. Es war ziemlich kalt geworden und sie musste sich langsam was einfallen lassen. Sie lief Gefahr zu erfrieren, wenn sie weiter draußen schlief. Aber es war nicht leicht, einen Platz in einer der wenigen Notschlafstellen für Frauen zu ergattern. Die Adressen hatte sie zwar mittlerweile herausbekommen, aber die meisten waren für Hunde tabu und ein Tierheim wollte sie Loki nicht antun. Er war alles, was sie noch hatte. Er war ihre Familie. Sie atmete die kalte Januarluft ein und zog ihre Mütze tief über die Ohren.
Loki stupste sie am Bein an und schaute schwanzwedelnd zu ihr hoch. Betty streichelte seinen Kopf. „Gleich gibt’s was. Ich muss nur noch schnell zum Aldi.“
Der Hund bellte kurz zum Zeichen, dass er verstanden hatte, und zusammen machten sie sich auf den Weg. Der Supermarkt war gleich um die Ecke.
„Du wartest hier“, sagte Betty und huschte in den Discounter.
Nur wenige Minuten später war sie wieder draußen, ihren Rucksack prall gefüllt mit Hundefutter, ein paar Dosen Linsensuppe und Ravioli, ein Baguette und eine Flasche Apfelsaft. Einen neuen Guthabenbon für ihr Prepaid-Handy hatte sie sich auch gegönnt.
Lange konnte sie so nicht mehr weitermachen. Ihr ging das Geld aus. Vielleicht noch eine Woche, dann waren ihre Reserven endgültig verbraucht und sie würde betteln müssen. Eine demütigende Vorstellung. Aber die Alternative gefiel ihr noch weniger: ein Antrag auf staatliche Unterstützung. Die beim Sozialamt würden ihr keinen Cent geben und sie auslachen, wenn sie Grundsicherung beantragte. Immerhin war sie die Frau von Dr. Thomas Funke, einem wohlhabenden und hoch angesehenen Rechtsanwalt mit gut laufender Kanzlei und Penthousewohnung mit Rheinblick. Aber Bettys größte Angst war, dass Tom von so einem Antrag Wind bekam. Dann würde er sie zwingen, nach Hause zu kommen, und das wäre ihr Todesurteil.
Ein kleiner Junge von vielleicht sechs Jahren stand vor Loki und beide, Hund und Kind, beäugten sich gegenseitig.
„Hallo“, sagte Betty. Sie war froh, dass der Junge respektvoll Abstand zu Loki gehalten hatte. Es war besser, wenn sie dabei war, wenn sich jemand dem Hund näherte.
„Ist das ein Wolf?“ Der Kleine schaute Betty aus großen Augen an.
Sie lächelte. „Nein, Loki ist ein Hund. Aber er wurde so gezüchtet, damit er aussieht wie ein Wolf. Die Rasse heißt Tamaskan. Das bedeutet mächtiger Wolf.“
Betty ging in die Hocke und kraulte Lokis Kopf. „Er mag Kinder. Willst du ihn streicheln?“
„Lieber nicht“, sagte der Junge. „Er hat gelbe Augen.“ Dann drehte er sich auf dem Absatz um und verschwand zwischen den Autos auf dem Kundenparkplatz der Supermarktkette.
Betty zuckte mit den Achseln. „Komm, Loki. Wird Zeit, dass wir was zu futtern kriegen.“
Die beiden überquerten die Venloer Straße, liefen in den Stadtgarten und steuerten auf Bettys aktuelles Nachtlager zu, einem Gestrüpp, direkt am Bahndamm. Vom Park aus war ihr Versteck vor neugierigen Blicken geschützt, weil die Arbeiter vom Grünflächenamt ein paar Baumopfer des letzten Herbststurms fein säuberlich zu einer Barriere aufgeschichtet und bisher nicht abtransportiert hatten. Obwohl in einem dunklen Park gelegen, fand Betty ihren Schlafplatz sicherer als einen Hauseingang oder eine Bank auf einem öffentlichen Platz. Dort war sie sichtbar und sie befürchtete, dass die Polizei sie von dort vertreiben oder andere Menschen sie angreifen könnten.
Es war lebensgefährlich, auf der Straße zu leben, vor allem für Frauen. Der Schlafplatz für die Nacht entschied darüber, ob man am nächsten Tag noch lebte oder nicht. Eine Bekannte aus einer Notschlafstelle hatte mal zu Betty gesagt: „Sobald du einen Schlafsack dabei hast, bist du ein nackter Körper mit breiten Beinen.“
Die Frauen redeten untereinander nicht viel über ihre Erlebnisse auf der Straße, aber doch genug, dass Betty verstanden hatte, wie gefährlich es war, allein unterwegs zu sein. Trotzdem war sie nach wie vor eine Einzelgängerin. Loki war bei ihr und beschützte sie. Mit ihm fühlte sie sich sicher.
Bevor Betty und Loki hinter den Baumstämmen verschwanden, sah sie sich ein letztes Mal um, ob sie auch niemand beobachtete. Sicherer als eine Bank in der Fußgängerzone hieß ja nicht, dass sie in Sicherheit war wie in den eigenen vier Wänden hinter einer abgeschlossenen Tür. Aber um diese Uhrzeit war der Park fast menschenleer. Nur ein junger Mann mit einem Hund war noch unterwegs.
Betty atmete erleichtert aus, als sie ihren Verschlag betrat und alles noch an seinem Platz war. Die alte Matratze, das Tischchen, der Grill, in dem sie sich gleich ein wärmendes Feuer machen konnte, und die Plastikplanen, die ihr Schutz vor Wind und Regen boten. Diese wenigen Habseligkeiten konnte sie tagsüber schlecht mit sich rumtragen und alles neu zu beschaffen, war mit erheblichem Aufwand verbunden.
Sie packte ihre Einkäufe aus und als Erstes bekam Loki eine ordentliche Portion, die er gierig verschlang. Betty tat es in der Seele weh, ihren Hund so hungrig zu sehen. Früher, in einem anderen Leben, hatte er regelmäßig seine Mahlzeiten bekommen, immer das beste und teuerste Futter. Jetzt musste er, genau wie sie, nehmen, was kam, und manchmal dauerte es eben eine Weile, bis Nachschub organisiert war. Aber Loki schien das alles nichts auszumachen. Er war jung und stark, das Leben auf der Straße war für ihn ein großes Abenteuer und der Wolf in ihm war durchaus imstande, ein Kaninchen zu jagen. Gott sei Dank hatte Betty ihn gut erzogen. Er hörte aufs Wort, war gutmütig und geduldig. Aber er konnte auch ungemütlich werden, wenn jemand seinem Frauchen zu nah kam. Dieses Verhalten hatte er erst auf der Straße entwickelt und Betty war froh darüber, denn ein Beschützer wie Loki war besser als jede Lebensversicherung. Bisher war es Gott sei Dank bei ein paar knurrenden Verwarnungen geblieben.
Nachdem Loki sein Abendessen verputzt hatte, verschwand er in der Dunkelheit, um sein Geschäft zu verrichten und vielleicht ein paar Kaninchen zu scheuchen. Er blieb nie lange weg und war immer in Rufweite.
Betty machte sich an ihre eigene Abendroutine. Sie entfachte ein Feuer im Grill, um Regenwasser zu erhitzen, das sich über Tag in einem alten Eimer gesammelt hatte. Damit konnte sie sich waschen und die Linsensuppe darin erwärmen. Anschließend überprüfte sie die Planen. Es war ätzend, mitten in der Nacht von einem Regenschauer überrascht zu werden. Die Klamotten wurden tagelang nicht richtig trocken.
Für den nächsten Tag hatte sie sich vorgenommen, eine der Anlaufstellen für wohnungslose Frauen in Köln aufzusuchen, wo sie duschen und ihre Sachen waschen konnte. Dort würde sie auch ein warmes Mittagessen und einen leckeren Cappuccino bekommen. Darauf freute sie sich am meisten.
Ein Rascheln im Gebüsch ließ sie kurz aufhorchen. Aber da war nichts. Wahrscheinlich nur eine kleine Maus auf der Suche nach Nahrung. Betty machte sich daran, ihre Einkäufe zu verstauen, als Zweige knackten. Sie sprang auf und starrte in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war, und ihr Herzschlag setzte aus. Vor dem Eingang zu ihrer Behausung stand ein glatzköpfiger großer Mann und versperrte ihr grinsend den Fluchtweg. Betty wollte zur anderen Seite flüchten, aber da stand ein zweiter Mann mit schwarzem Vollbart, die Arme vor der Brust verschränkt.
„Hallo, Süße“, sagte er. „Wohin denn so eilig?“
