Der Texter
Sanela Egli

Der Texter

telescope

Taschenbuch
Juli 2018
sofort lieferbar
ISBN 9783959150422
12,– € [D], 12,– € [A] , SFr. 14,– [CH]
Sonderpreis 0,– €
     
Seit Jahren werden im Thurgau Kinder entführt, missbraucht und getötet. Die Ermittler Patrick Krebs und Paula Wehrli tappen im Dunkeln, sie wissen nur, dass der Täter, den sie aufgrund seiner Botschaften Der Texter nennen, vor acht Jahren plötzlich sein Beuteschema gewechselt hat. Auf der Suche nach dem Warum kommt ihnen zufällig Patricks alter und sehr chaotischer Partner zu Hilfe.
Sanela Egli

Sanela Egli

Die Autorin lebt mit ihrer Familie in der Ostschweiz. Ihre kroatischen Wurzeln lässt sie gerne in ihren Romanen einfliessen, so spielen seit 2018 die meisten Romane zum Grossteil im Land der tausend Inseln.

Im Endzeitdrama Detox, mit Schauspieler Michael Metz in der Hauptrolle, war sie als Autorin tätig.

Am 21. Dezember 2018 geht Sanela Egli neue Wege und veröffentlich in einem Verlagsblog immer freitags ein neues Kapitel ihres Thrillers RACHETRÄUME. Am Ende wird der Roman als Buch im Handel erscheinen.

Der Texter ist die Empfehlung der Woche der SYNDIKATs-Redaktion vom 06. August 2018.

Drei Fragen an Sanela Egli

Wann begann Ihre kriminelle Laufbahn?
Ich habe alles ausprobiert und stellte mit zwanzig Jahren fest, dass ich ganz schön düstere Gedanken habe.


Wie viele Verbrechen gehen auf Ihr Konto?
Ach, ich habe längst aufgehört zu zählen.


Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?
Ich bin jung und brauche das Geld.

Rezension

Die Weinfelder Autorin Sanela Egli hat sich nach mehreren Kinderbüchern erstmals an einen Psychothriller gewagt. «Der Raum» ist eine hochspannende und verstörende Geschichte. Sie schafft es mit ihrem ersten Psychothriller, die Leser zu fesseln, zu unterhalten, zu schockieren.

Weinfelder Zeitung

Leseprobe:

Schweiz
1

Werner Ferrari. Ein Name, der allen Schweizer Eltern das Blut in den Adern gefrieren lässt. Ein Name, der in vielen Eltern das Verlangen nach Vergeltung weckt. Bei mir weckt er ein anderes Verlagen. Eines, das eines Tages plötzlich da war, ohne mein zutun. Aber vielleicht das meines Vaters, der sich über Jahre hinweg daran ergötzte, mir beim Spielen mit anderen Männern zuzusehen.
Hässlichen Männern.
Sie waren fett, verdammt grob und stanken ungeheuerlich nach Bier, alter Pisse, Rauch und nach Schweiß. Die meisten zumindest. Es gab durchaus welche, die in Anzügen in den Keller kamen, die so teuer waren wie unser Auto. Das hatte jedenfalls mein Vater mal gesagt. Die stanken aber auch. Zwar nicht nach Pisse, aber nach teurem Parfüm.
Alles hatte an einem Donnerstag angefangen.
Auffahrt.
Es war Frühling, Schmetterlinge flogen frei umher, die Nachbarn mähten ihre Rasen und ich faulenzte auf dem Liegestuhl, den meine Mutter einige Tage zuvor gekauft hatte. Sie war in die Kirche gegangen. Ich hatte keine Ahnung, für was sie dort betete. Mein Vater hatte mürrisch gesagt, für ein besseres Leben. Noch am selben Abend wusste ich, was er damit gemeint hatte.
Also mein Verlangen, das vor ein paar Jahren plötzlich da war, habe ich zum ersten Mal richtig gespürt, als in den achtziger Jahren Werner Ferrari schweizweit Berühmtheit erlangte. Eigentlich war er bereits berühmt, denn Anfang der Siebziger wurde er wegen Mordes eines zehnjährigen Jungen verurteilt und nach acht Jahren wieder aus dem Knast entlassen. Aber damals hatte ich das noch nicht mitbekommen. Natürlich lachte Ferrari über die Schweizer Justiz, zumindest kann ich mir das gut vorstellen, und mordete und missbrauchte weiter. Bis zu jenem Tag Ende August im Jahre 1989, als er erneut geschnappt wurde. Sechs Jahre später wurde er zu einer lebenslangen Haft verurteilt.
Als ich ihn in den Nachrichten sah, spürte ich sofort etwas. Es war keine Verbundenheit, keine Sympathie. Vielmehr Neid. Er machte das, worauf er Lust hatte, und genau das wollte ich auch. Ich fing an, alles über ihn zu sammeln. Jeden einzelnen Bericht ordnete ich katalogisch ein. Ich wollte unbedingt so werden wie er.
Einfach ein geiler Typ.
Heute ist es endlich wieder soweit.
Zum achten Mal werde ich meinen Durst nach kleinen Mädchen stillen. Jungs will ich nicht. So krank wie Vater war bin ich nicht. Jungs … das wäre ja pervers.
Vom Spielplatz habe ich eine blonde Schönheit mitgenommen.
Sie hat geweint. Und als sie mir ihr Haus zeigte, was die Mädchen vor ihr auch schon machen mussten, hat sie, wie die anderen Kinder vor ihr, laut geschrien. Nur blöd für sie, dass sie niemand hören und sehen konnte. Ich habe nämlich getönte Scheiben und habe den ganzen Karren in akribischer Arbeit isoliert. Was für eine beschissene Arbeit, die sich aber gelohnt hat. Für was so ein unscheinbarer Kleintransporter doch alles gut sein kann. Die Ärmste. Aber da muss sie jetzt durch. Schließlich habe ich es auch überlebt. „Tränen trocknen“, pflegte der alter Herr zu sagen. „Und wenn nicht, dann werde ich sie dir schon trocknen“, fügte er immer hinzu.
Danach habe ich immer noch mehr geweint, statt weniger. Aber er hatte recht, die Tränen sind irgendwann getrocknet.
Er hatte dafür gesorgt. Und ich werde bei Blondchen dafür sorgen.
Die Kleine liegt im Nebenraum.
Gefesselt.
Sie schreit.
Sie hat Angst.
Aber sie braucht keine Angst zu haben. Ich bin lieb. Und wenn sie noch lange so rumbrüllt, wird sie Mutter aufwecken, und ich bekomme dann keinen Nachtisch. Und dann werde ich meine Wut an meiner Frau auslassen. Die wartet sicher schon auf mich. Sie wartet immer auf mich. Aber was soll ich denn machen? Diesen Keller hat mein Vater gebaut. Es ist das Einzige, was mich mit ihm verbindet. Wie ein untrennbares Band. Bei mir zu Hause könnte ich sowieso nicht ungestört in den Keller. Meine Frau würde andauernd nerven und sehen wollen, was ich so mache. Nein. Dann lasse ich den Keller lieber bei meiner Mutter im Haus. Die freut sich immer, wenn ich komme. Aber auch wenn ich wieder gehe. Und das ist meist, sobald sie von ihrem Mittagsschlaf erwacht. Früher war Mutter immer nett zu mir. Aber seit Vaters Tod bestraft sie mich manchmal, obwohl ich nichts gemacht habe. Einfach aus der Laune heraus.
Vaters Tod …
Nie vergesse ich jenen Tag. Meinen dreißigsten Geburtstag. Über Nacht hatte mein Vater Besuch von zwei Jungen. Mutter war ganz schön sauer, weil sie nicht mit in den Keller durfte. Sie hat dann in der Küche alles kurz und klein geschlagen. Am frühen Morgen, es war kurz vor der Dämmerung, hörte ich die knarrenden Stufen. Mit schweren Schritten erklomm der alte Herr die Treppe. Ich hörte, wie er in das Schlafzimmer schlurfte. Dann gab es einen lauten Streit zwischen ihnen.
Ein Schrei.
Dumpfer Knall.
Ruhe.

 

 

Soll ich jetzt zu ihr?
Nein.
Oder doch?
Nein.
Verflucht! Verlässt mich jetzt etwa der Mut?
Schon zum zweiten Mal heute ziehe ich den Ferrari-Ordner aus dem Regal. Setze mich auf die Bettkante, auf die sich mein Vater immer gesetzt hatte, bevor er in den Nebenraum ging. Ich klappe den Ordner auf und schaue mir jede Seite genau an. Es ist, als sehen wir uns an. Als würden wir uns tief in die Augen blicken, der Ferrari und ich.
Nun bin ich bereit. Ein tiefer Atemzug. Ich stehe auf, stelle den Ordner zurück. Begebe mich vor die Tür des Nebenraums, den ich extra für heute neu eingerichtet habe. Vaters Sachen waren schon sehr alt. Kette. Fesselung. Topf. Das reicht. Eine andere Matratze habe ich auch noch reingelegt. Natürlich keine Neue. Beim Spielplatz lag vor ein paar Tagen eine. Dort liegt ständig Kram herum, den die Anwohner hinschmeißen.
Ich lege meine zitternde Hand auf die Klinke. Meine Knie wackeln, als seien sie Pudding. Jedes Jahr dasselbe, und ich bin immer noch nervös. Ich öffne die Tür. Trete in den Raum. Ein heißer Blitz der Erregung jagt mit über den Rücken.
Blondchen schreit.
„Tränen trocknen“, sage ich.
Sie weint so laut, dass mir die Ohren wehtun.
„Und wenn nicht, dann werde ich sie dir schon trocknen.“
Ich gehe zwei Schritte auf sie zu. Sie kauert in der Ecke. An Händen und Füssen geknebelt. Sie brüllt irgendwas, das ich nicht verstehe. Ich nehme ihre Stimme nur noch gedämpft wahr, als hielte ich meinen Kopf unter Wasser.
Schreit sie überhaupt noch?
Keine Ahnung.
Ich bin in meiner ganz eigenen Welt. In einer Welt, in der es nur mich und sie gibt. Aber nicht mehr lange. Bald gibt es nur noch mich. Dessen bin ich mir sicher. Es ist nämlich immer dasselbe.
Ungehorsam.
Voller Begierde fährt meine Hand an meinen Gurt. Ich löse die Schnalle und ziehe den Riemen durch die Laschen.
Ich werde Werner Ferrari zeigen, dass ich besser bin als er.