Unter Fremden
Jutta Profijt

Unter Fremden

Roman

DTV Premium

334 Seiten
September 2017
sofort lieferbar
ISBN 9783423261654
14,90 € [D], 15,40 € [A] , SFr. 19,90 [CH]
Sonderpreis 0,– €
     

»Meine Gegenwart besteht aus drei einfachen Worten: Ich. Bin. Allein.«

Madiha muss aus ihrem syrischen Heimatdorf fliehen und landet in einem deutschen Flüchtlingsheim. Die strapaziöse Flucht überlebt die gehbehinderte Frau nur durch die Hilfe eines fremden Mannes, Harun. Eines Morgens ist Harun verschwunden. Auf Drängen ihrer deutschen Betreuerin gibt Madiha eine Vermisstenanzeige auf. Noch in derselben Nacht fliegt ein Molotow- Cocktail in das Zimmer, und Haruns Kleidung wird gestohlen. Die sicher geglaubte neue Welt jagt Madiha immer mehr Angst ein. Doch das Schicksal Haruns lässt ihr keine Ruhe, und sie beschließt, sich selbst auf die Suche nach ihm zu machen. Kurz darauf bemerkt Madiha, dass sie verfolgt wird.

Jutta Profijt
© Melanie Grande

Jutta Profijt

war Exportmanagerin und Unternehmerin, bevor sie zum Schreiben kam. Nach fünf Regio-Krimis kam mit Pascha, der rotzfrechen Leiche aus den kultigen Kühlfach-Krimis, der große Durchbruch. Kühlfach 4 und Unter Fremden wurden für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert. Parallel schreibt Jutta Profijt mit ebenso großem Erfolg heitere Romane. Die Kühlfach-Reihe und der Roman Schmutzengel erscheinen auch in Englisch. Jutta Profijt lebt als hauptberufliche Autorin in der niederrheinischen Provinz.

Unter Fremden ist die Empfehlung der Woche der SYNDIKATs-Redaktion vom 09. Juli 2018 und zugleich Gewinner des Friedrich-Glauser-Preises 2018.

Begründung der Glauser-Jury:
Die Fremden sind wir. Die junge Madiha aus Syrien lebt in einem deutschen Flüchtlingsheim. Die gehbehinderte Frau hat es nur durch die Hilfe von Harun hierher geschafft, und der ist spurlos verschwunden. Nach einer Vermisstenanzeige wird die junge Frau bedroht und verfolgt. Die Flüchtlingskrise wird ausgewogen dargestellt; nicht alle Flüchtlinge sind Heilige und nicht alle Deutschen Fremdenhasser. Der Autorin ist es hervorragend gelungen, sich in die Gedankenwelt einer muslimischen Frau einzufühlen.

Einige Fragen an Jutta Profijt

Wann begann Ihre kriminelle Laufbahn?
2002 begann ich meinen ersten Krimi „Motiv: Münsterschatz“, den ich von Hand in Stenoblöcke schrieb und dann abtippte. Er erschien 2003.
Wie viele Verbrechen gehen auf Ihr Konto?
Unzählige. Leichter zu zählen sind die veröffentlichten Krimis: 18, darunter 6 Lernkrimis in leichtem Französisch.
Warum haben Sie sich für ein Leben mit dem Verbrechen entschieden?
Das Verbrechen ist immer schon da, man kann sich leider nicht gegen ein Leben mit dem Verbrechen entscheiden. Aber als Autorin kann ich wenigstens den Täter ermitteln und dingfest machen.
Was ist Ihre Lieblingstatwaffe?
Da die Tatwaffe zum Täter passen muss, mordet jede Figur anders. Wenn ich selbst eine Waffe wählen müsste, hätte ich ein Problem: ein Messer wäre mir zu blutig, eine Schusswaffe zu laut, Gift zu unsicher (was, wenn der Falsche die Pralinen isst?), ein Auto zu klimaschädlich, ein stumpfer Gegenstand zu klischeehaft …
Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?
Ich tu doch nur, was die LeserInnen von mir verlangen. Und wenn ich es nicht täte, tät’s jemand anders. (Dass es auch noch Spaß macht, solle ich nicht verraten - sagt mein Anwalt.)

Kritikerstimmen

»Ein ungewöhnlich glaubwürdiger Kriminalroman, der auf jegliches Klischee verzichtet.«
Büchermagazin Februar - März 2018

»Profijt einmal ganz anders. Unbedingt lesen!«
Elvira M. Gordon-Pusch, Frankfurter Stadtkurier 26.09.2017

»›Unter Fremden‹ von Jutta Profijt ist spannend inszeniert, ruhig, aber einfühlsam erzählt und fesselnd geschrieben.«
Silke Schröder, hallo-buch.de 07.11.2017

 Leseprobe:

Im Hauptbahnhof frage ich mich zum richtigen Gleis durch und warte auf dem zugigen Bahnsteig. Aus den Augenwinkeln nehme ich eine Bewegung direkt neben mir wahr, und spüre etwas in der Tasche meines Mantels, das dort nicht hingehört. Bin ich auch schlecht zu Fuß, so sind meine Reflexe und meine Hände von der Arbeit mit den Tieren gut geschult. So flink, wie ich ein Huhn am Bein fasse, wenn es mir entwischen will, greife ich nach der Hand, die mich bestiehlt. Sie ist halb so groß wie meine und unglaublich schmutzig. Das Kind versucht, sich meinem Griff zu entwinden, aber ich lehne den Stock an die Wand und fasse mit links zu. Diese Hand trainiert seit achtundzwanzig Jahren täglich ohne Unterlass, überträgt mein Gewicht auf die Gehhilfe, fängt Stürze ab. Das Kind hat keine Chance. Mit rechts greife ich in meine Tasche. Stofftaschentuch, Bonbons, Fahrkarte, alles noch da. Natürlich. Der Junge – ich bin mir ziemlich sicher, dass es ein Junge ist – stiehlt Handys. Von seiner Sorte habe ich auf der Flucht viele gesehen. Allerdings bin ich überrascht, einen von ihnen hier zu treffen, mitten in Deutschland.
Sein Gesicht ist so schmutzig wie die Hand, das Haar verfilzt, die Augen verklebt, aus der Nase läuft Rotz. Jetzt dringt mir auch der Geruch seiner ungewaschenen Kleider in die Nase. Es gab Zeiten, in denen ich genauso aussah, genauso stank, weil ich in meiner Kleidung schlief, sie wochenlang weder wechseln noch waschen konnte. Meine bereits zum Schlag erhobene rechte Hand bleibt in der Luft hängen, während sich mein Herz zusammenzieht in der Erinnerung an die Zeiten ohne Dach über dem Kopf, ohne Wasser, ohne Seife, ohne einen geschützten Schlafplatz, ohne ausreichend Essen, ohne Toilette, ohne Wärme. Obwohl der Junge gerade versucht hat, mich zu bestehlen, tut er mir leid. Ich hole die Bonbons aus der Tasche und gebe sie ihm.
Ungläubig starrt er darauf.
Ich lasse seine Hand los, greife nach meinem Stock und schaue ihm hinterher, als er davonflitzt.

Anfangs ist der Zug so voll, dass ich stehen muss, aber irgendwann finde ich einen Sitzplatz. Blicklos starre ich aus dem Fenster, während ich meinen Gedanken nachhänge, vor allem der Frage, was ich hier eigentlich tue. Habe ich wirklich noch Hoffnung, Harun zu finden? Andererseits geht es nicht um meine Hoffnung, sondern um die Verpflichtung, die er mir auferlegte, als er mir seinen Schlüssel gab. Und dass sein Verschwinden nicht freiwillig war, steht für mich fest, seit ich weiß, dass meine Schritte überwacht werden.
Fast hätte ich meine Haltestelle verpasst, denn die Durchsage ist so leise, dass ich sie kaum verstehen kann. Im letzten Moment begreife ich, dass ich mich beeilen muss, und kämpfe mich gegen den Strom der Einsteigenden hinaus. Auf dem Bahnsteig muss ich mich kurz orientieren, bis ich aus meinen Gedanken zurückgefunden habe in die graue Wirklichkeit. Als ich mich umdrehe, stehe ich unvermittelt dem kleinen Dieb gegenüber. Er schaut mich mit großen Augen an.