Paul Decrinis

Paul Decrinis

Name: Paul Decrinis

Geburtstag- und -ort:  21.09.1968 in Wolfsberg/Kärnten

Tee oder Kaffee: Tee.

Rapid oder Austria:  Sturm!

Hund oder Katze:  Ich bin der klassische Katzenmensch – ich liebe die Unabhängigkeit dieser Tiere und dass man sich die Zuneigung erst verdienen muss.

Auch was Seriöses gelernt: Nach der Matura an der Theresianischen Akademie habe ich an der TU Graz Wirtschaftstelematik studiert und dieses Studium abgeschlossen. Danach arbeitete ich erfolgreich in Datenbankprojekten in der Agrarmarkt Austria, in der VOEST Alpine und in der Telekommunikationsbranche.

Was ist das erste Buch, das du fertig gelesen hast: Geheimnis um ein verborgenes Zimmer von Enid Blyton. Ich habe die Serie um die sechs Spürnasen richtig verschlungen und bin so recht früh mit dem “Krimigenre” in Kontakt gekommen.

Welches Buch hat dich nachhaltig geprägt: Es war der 16. März 1986, als mir “Führen Sie in Ihrem Leben selbst Regie” von Wayne W. Dyer in die Hände fiel. Dieses Buch bedeutete nicht nur die Initialzündung fürs Lesen, es bewirkte einen selbstbestimmten Aufbruch, der meinem Leben einen entscheidenden Dreh gegeben hat. Diese Reise ist 32 Jahre später noch immer im Gange.

Welchen Kindheitstraum konntest du bisher nicht erfüllen:  Ein Kaiser werden. Bleibt wohl ein Traum, da haben wir schon einen besseren: Unseren geliebten Robert Heinrich den I.

Die beste Entscheidung meines Lebens: Auf meine innere Stimme zu hören und auf den Zustand der inneren Ruhe bei schwierigen Weggabelungen zu achten. An drei wichtigen Stationen meiner Lebensbahn wurden so die Weichen in die richtige Richtung gestellt.

Was bereitet dir schlechte Laune: Wenn man mich nötigt, die Dinge schön zu reden und das Evidente zu verdrängen.

Was bereitet dir gute Laune: Hübsche Damen, roter Wein und schöner Gesang. Gute und sinnstiftende Gespräche in gemütlicher Atmosphäre sowie schöne Lesungen, wo ich mein schauspielerisches Talent auspielen kann.

Du könntest dir aussuchen, wo du lebst. Wo wäre das:  Mein Leben liefe im Rhythmus der Jahreszeiten ab. Den Winter verbrächte ich auf Mallorca, wo ich bis zur Mandelblüte bliebe. Den Frühling genieße ich in der Steiermark und für den Sommer ginge es nach Lettland, wo die langen Tage mir als Abendmenschen sehr zugute kommen. Schließlich wäre der Herbst in der steirischen Toskana eine Freude und schließlich ginge es für den Winter wieder nach Mallorca.

gnothi_sauthonIhr Lebensmotto:  Gnothi Seauton – Erkenne dich selbst: Es ist eine lebenslange Aufgabe.

Ihre Kontaktdaten:  Ich gebe die nicht her, oder doch?  Folge mir. 

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Bücher von Paul Decrinis

Mallorca mörderisch genießen

Mallorca mörderisch genießen

Leseproben & Dokumente

Todesernst - Prolog

Prolog

»Polizeinotruf«, meldete sich Inspektor Katolnigg, »Grüß Gott.«

»Hier ist Präfekt Birkner. Ein Maskierter bedroht unseren Direktor.« Es klang, als presste der Anrufer jedes Wort einzeln durch die Leitung.

»Wo sind Sie gerade?«, fragte der Polizist.

»Im zweiten Stock beim Fenster zum Lindenhof.«

»Welche Adresse?«

»Im Bischöflichen Gymnasium!«

»Was passiert da?« Inspektor Katolnigg gab die Anschrift der Schule ein und alarmierte per Knopfdruck die ersten Streifen.

»Ja, da … da werden … da werden Geiseln genommen.«

»Wie viele Geiseln?«

»Soll ich die zählen?«, fragte der Anrufer.

»Ungefähr«, bat Katolnigg um eine Schätzung.

»Dürften in etwa … in etwa 20 sein.«

»Wie viele Täter?«

»Einer. Er trägt einen schwarzen Umhang. Er schaut aus wie der Zorro mit einer Maske.«

»Bewaffnet?«

»Bis auf die Zähne! Er hat schon in die Luft und auf den Altar geschossen. Der ist extrem aggressiv.«

Auf dem Schaltpult betätigte Katolnigg den Knopf für die Rettung. »Gibt es Verletzte?«

»Noch nicht, aber bald, wenn Sie nicht gleich kommen!«

»Ganz ruhig, Herr Birkner. Die Streife ist unterwegs zu Ihnen. Wissen Sie, wo genau sich der Täter mit den Geiseln verschanzt hat?« Der Daumen wanderte zu einem gelb umrahmten Knopf mit der Überschrift EKO COBRA. Mit einem Fingerdruck löste Katolnigg den Einsatzalarm für die Spezialeinheit aus.

»Ja, der Täter ist im Lindenhof und zwingt den Direktor vor dem Altar zu knien.« Der Anrufer verfiel in einen Flüsterton. »Ich habe das Fenster einen Spalt weit geöffnet und mein Handy auf das Fensterbrett gelegt. Vielleicht hilft es euch.«

»Willkommen in der Gemeinschaft!«, hörte Katolnigg die kreischende Stimme des Täters. »Na Todesernst, wie viele stehen auf eurer Abschussliste? Unsere Schülerzeitung, den Freireflex, habt ihr abgedreht! Ihr Schweinepriester habt mein Leben zerstört. Nun greift ihr überall nach der Macht. Nicht nur im Bischgym! Jetzt ist aber Schluss damit!«

Es knallte.

»O mein Gott«, stammelte der Anrufer. »Er hat g’rad den Direktor erschossen.«

»Spart euch die blöden Plakate mit dem Warum«, krächzte die Stimme des Mörders. Es krachte erneut.

Dann wieder.

Panisches Gebrüll.

Katolnigg tippte. Auf dem Bildschirm tauchte im Feld, das den Vorfall beschrieb, ein Wort auf.

Amok.

Todesernst - 07:10 Uhr

Ein Maunzen zog Sabrina Mara aus der Traumwelt. Die Katze setzte die Massage auf Sabrinas Brust fort.

»Ginger, ich hab doch heute frei«, sagte Sabrina verschlafen zum rotgetigerten Kater und drehte sich um. Zugleich war ihr klar, dass der Versuch, sich die gemütliche Wärme des Schlafes zu erhalten, sinnlos blieb. Das Tier stupste schnurrend die Schnauze gegen ihre Nase. Dann spürte sie den sanften Stoß der Tatze an der Wange.

»Axel.« Sabrina tastete nach ihrem Freund. Ihre Finger gruben sich in das leere Laken. Beim nächsten Gedanken verschwand der Schreck. Ihr Schatz hatte Bereitschaftsdienst im Stützpunkt der Cobra.

Der Stubentiger setzte sich auf ihre Brust, schaute seinem Frauchen in die Augen und zwinkerte. Sie ließ die Hand über den Rücken des Tieres gleiten.

»Gleich gibt es Frühstück, Ginger.« Sabrina richtete sich auf. Sofort sprang die Mieze vom Bett herunter.Sabrinas Weg führte sie zum Kühlschrank, aus dem sie eine Dose Nassfutter und ein Fläschchen Katzenmilch herausholte.

»Miau.« Die schneeweiße Tonic eilte mit hochgestrecktem Schwanz zu ihrem Bruder in die Küche und schmiegte sich an Sabrinas Beine. Ein Schnurren begleitete das Absetzen des Futters.

Wie würden die Katzen reagieren, wenn sie ein Kind von Axel bekäme? Würde es von ihr die schokobraune Haut erben, die ihr Schatz an ihr so herzig fand? Bei dem Gedanken an den Nachwuchs huschte ein Lächeln über die Lippen.

Handyklingeln störte Sabrinas Ausflug in die Zukunft. Sie eilte in das Schlafzimmer und nahm das Gespräch an.

»Mara, aus dem freien Tag wird heute leider nichts.« Es war Kurt Hutnagl, ihr Vorgesetzter in der Gruppe Leib und Leben im Landeskriminalamt Steiermark.

»Warum?« Sabrina Mara setzte sich an den Bettrand.

»Verbrecher halten sich selten an unseren Dienstplan.« So angespannt hatte sie ihren Chef selten erlebt. »Und schon gar keine Amokläufer. Ich brauche Sie, und zwar sofort.«

»Wo?« Sie kramte in der Schublade des Nachtkästchens nach Notizbuch und den Kugelschreiber.

»Im Bischöflichen Gymnasium! Die Cobra klärt ab. Mara, wo sind Siegerade?«

»Zu Hause.«

»Dann wird’s Zeit, dass Sie sich auf den Weg machen. Wir treffen uns in fünfzehn Minuten am Hasnerplatz vor der Pädagogischen Hochschule. Ich warte im Einsatzleitwagen auf Sie

Ein Klicken signalisierte, dass Hutnagl das Telefonat beendet hatte.Ihre Halsschlagader pochte. Musste Axel auf ein bewaffnetes Kind schießen, um andere zu retten? Natürlich gehörte auch das zu seinem Job, aber so etwas wünschte sie niemandem. Schon gar nicht ihrem Freund. Sabrina seufzte und erhob sich. Nach einer Katzenwäsche schälte sie sich aus dem Pyjama und schnappte sich eine frische Hose und eine weiße Leinenbluse aus dem Kasten. Vor dem Schrankspiegel justierte sie mit einer Rundbürste die gestern gelegte Wasserwelle nach und verteilte etwas Haar-Gel auf die schwarzen Haare. Auf das Rouge noir auf den Lippen und Mascara auf den Wimpern musste sie verzichten. Ebenso ließ sie das Parfüm links liegen, stattdessen griff sie zum Deo und gönnte sich zur Erfrischung ein paar Spritzer.

Im Flur schlüpfte Sabrina in die Leder-Mokassins. Sie schnappte sich die Handtasche, verstaute Notizheft, Kuli und Smartphone darin und machte sich auf den Weg.

Todesernst - 07:30 Uhr

Der Puls beschleunigte sich, als Sabrina in ihrem blauen Golf am Hasnerplatz ankam. Sie warf einen Blick auf die Seite gegenüber, doch die Kioskstände versperrten ihr die Sicht. Die Menschentraube an der Straßenbahnhaltestelle hundert Meter vor ihr sprach klar dafür, dass sie richtig lag. Manche spähten zur Querstraße, die von zwei Uniformierten bewacht wurde, andere hielten die Handys an ihr Ohr und weitere schienen in heftige Gespräche verwickelt.

Sabrina ließ die Fensterscheibe runter, nahm die Kokarde in die Hand und glitt auf die Streifenbeamten zu. Diese nickten und wiesen sie mit der Kelle an, links abzubiegen. Wenig später parkte ihr Golf neben drei Streifenautos, dem Einsatzleitwagen, zwei Rettungen und einem Feuerwehrwagen.

Sie eilte zum Befehlskraftwagen und klopfte an die Tür.

Die Schiebetür des VW-Busses öffnete sich quietschend. Der Geruch von Aftershave drang in die Nase. Das Logo des Raumschiff Enterprise auf dem roten T-Shirt fiel ihr sofort auf. Dass der Kriminaltechniker die Star-Trek-Welt seiner Jugendjahre nie verlassen hatte, überstieg ihr Verständnis. Wie konnte ein Dreißigjähriger, dem die blonden Haare ausdünnten noch immer meinen, ständig Scotty spielen zu müssen. »Willkommen an Bord, Lieutenant Uhura«, grüßte er. Fehlte, dass Christof Istel zwecks Salutieren die Hand an die hohe Stirn hob.

Im Gegensatz zu ihm spiegelte sich in Hutnagls Blick die bedrohliche Lage, in der die Schüler und Lehrer des Bischöflichen Gymnasiums schwebten. Das grau melierte Kopfhaar, der Schnauzer und die schmalen Lippen wirkten angespannter als sonst. Wie gewohnt trug Hutnagl das weiße Seidenhemd, doch die blaue Krawatte samt Nadel mit der emaillierten Muschel fehlte.

»Willst dich zum Captain oder zum Master Chief Petty Officer setzen?« Istel deutete auf einen etwa Sechzigjährigen in Uniform, der vis-a-vis von Kurt Hutnagl saß. Auf den Schulterstücken trug er die Distinktionen eines Chefinspektors. Sie setzte sich neben dem Chef auf den Platz bei der Magnetwand, während Istel sich ihr gegenüber hinhockte.

Hutnagl deutete mit dem kantigen Kinn auf den Chefinspektor. »Teuschl, wie schaut es mit der Abriegelung aus?« 

»Haben wir den Stadtplan am Laptop?«, wandte sich der Chefinspektor an Istel.

Der Kriminaltechniker nickte und tippte an der Tastatur des Notebooks. Er drehte das Gerät, sodass alle auf den Bildschirm schauen konnten.

»Meine Leute von der Inspektion Andritz bewachen alle Eingänge zur Schule. Für den gibt’s kein Entkommen, wenn der noch drin ist. Die Kollegen vom Stadtpolizeikommando kümmern sich um die Zufahrtswege.« Teuschls Zeigefinger wanderte über die Karte auf dem Bildschirm. »Die Grabenstraße ist von der Höhe Wirtschaftskammer bis zur Kirchengasse abgesperrt. Der Tatort wird von der Langen Gasse, der Theodor-Körner-Straße, der Laimburggasse und der Baumschulgasse begrenzt. Ich schlage vor, dass wir alle aus dem Bischöflichen in die Pädagogische Hochschule evakuieren. Dort überprüfen wir sie und die Ärzte können sie auch bei Bedarf untersuchen.«

Hutnagl nickte. »Macht Sinn

»Ich würde die Grenze an die Bergmanngasse verschieben«, warf Sabrina ein. »Die Kreuzgasse passt für die Reporter. Von dort kriegen die einen guten Blick auf die Schule. Und uns rücken sie nicht auf die Pelle.«

»Macht Sinn.« Auf Hutnagls schmalen Lippen erschien ein Lächeln.

Der Chefinspektor griff zum Funkgerät und gab die neuen Tatortgrenzen durch.

»Meine Dame, meinen Herrn. Ganz ehrlich, wir müssen das Schlimmste befürchten.« Aus der Sakkotasche zog Hutnagl eine kleine Dose Kautabak und legte sie auf den Tisch. »Nach dem Mord am Direktor im Lindenhof ist der Eindringling in das Schulgebäude zurückgekehrt. Kurz darauf hat es eine enorme Explosion gegeben. Die Granate hat in einem Gang auf der Ostseite ein Loch in den Holzpflasterboden gerissen. Da haben die Schutzengel ganze Arbeit geleistet, dass kein Brand ausgebrochen ist. Die Cobra dürfte im Herrenklo neben dem Haupteingang eine Bombe entdeckt haben. Ich habe das Bombenkommando geschickt. Mit Keller und Erdgeschoss ist die Cobra schon durch. Sie werden sich melden, sobald es was Neues gibt.«

»Okay.« Sabrina verschränkte die Arme und warf einen Blick auf die Armbanduhr. Einen Einsatz wegen eines Amoklaufs in einer katholischen Schule war das Allerletzte, was sie sich wünschte. Wie viele Mütter würden ihre Kinder glücklich in ihre Arme schließen können? Man musste damit rechnen, dass einigen Eltern die Horrormeldung nicht erspart blieb. Sie fragte sich, wie oft sie die Todesbotschaft überbringen musste. Ein flaues Gefühl setzte sich in ihrem Magen fest.

Der Chef lehnte sich zurück. »Sobald die Cobra durch ist, werden wir mit der Evakuierung anfangen. Wir bringen sie in die Pädagogische Hochschule.«

»Ich würde sagen, wir legen dann mit den Kleinsten los«, schlug Sabrina vor.

»Einverstanden.« Hutnagl verschränkte die Arme und wandte sich an Istel. »Für die polizeilichen Sichtungen benutzen wir die Turnhalle. Schließen Sie sich bitte mit der Rettung kurz.«

»Captain, ich finde, dass es in den Sportdecks immer so nach Schweiß riecht. Mir gefiele die Messe neben der Kombüse besser. Ich möchte beizeiten mal was essen.«

Sabrina grinste. Kein Wunder, dass der Kriminaltechniker über solch eine Körperfülle verfügte, wenn er dauernd ans Futtern dachte. »Einmal fasten würde dir auch nicht schaden, Christof.«

Istel reagierte mit einem belämmerten Blick.

Hutnagl löste die Verschränkung seiner Arme und räusperte sich. »Wir haben aus der Leitstelle den Mitschnitt des ersten Notrufs erhalten. Istel, können Sie ihn abspielen?«

»Kein Problem.« Der Kriminaltechniker zog den Laptop zu sich. Wenig später lauschte Sabrina, wie der Notruf aus der Schule den Einsatz ausgelöst hatte.

»Der Anrufer«, führte Hutnagl nach dem Soundfile aus, »ist niemand anderes als Präfekt Benedikt Birkner. Er hat auch in dieser brenzligen Lage die Nerven bewahrt. Wir sind uns alle einig, dass das ein hervorragender Zeuge ist. Wir werden ihn als Erstes befragen. Womit wir beim Thema wären, Mara. Der Pressesprecher wird die Öffentlichkeit informieren, dass wir die Lehrer und Schüler in die Pädagogische Hochschule evakuieren. Wir werden also für die ersten Befragungen einen geeigneten Raum brauchen.«

»Ich kümmere mich darum.« Sabrina dachte an den Sozialraum im Hochparterre, den sie vor Jahren mit einer Freundin besucht hatte.

»Istel, können Sie bitte mir den Mitschnitt auf mein Handy überspielen?« Hutnagl legte sein Mobiltelefon auf den Tisch.

»Bei mir auch, bitte.« Sabrina tat es ihrem Chef gleich.»Mach ich.« Istel stellte die Verbindung zu den Geräten her und übergab sie zwei Minuten später. 

»Dachstein – 1 von Cobra - 1, Kommen«, krähte es aus den Lautsprechern des Einsatzleitwagens.

Hutnagl nahm das Funkgerät in die Hand. »Dachstein hört.«

»Durchsuchung abgeschlossen.« Sie erkannte trotz Verzerrung Axels Stimme. »Das Objekt gesichert. Ein Toter, keine Verletzten, kein Tatverdächtiger. Kommen.«

Ein Aufatmen lief durch die Runde. Dass der Amoklauf so glimpflich ausging, kam einem Wunder gleich.

»Evakuierung einleiten und mit den Kleinsten anfangen«, befahl der Chef. »Falls ihr auf einen Präfekten Birkner stößt, meldet euch bei mir. Ich möchte ihn als Erstes befragen.«

»Verstanden«, bestätigte Axel Kleingott.

»Ende.« Hutnagl legte das Funkgerät auf dem Tisch ab.

»Wir haben ein Wunder erlebt, meine Herren.« Hutnagl pausierte. Sein Lächeln wirkte gekünstelt. »Natürlich auch werte Dame. Der Allmächtige dürfte seine Schutzengel ausgeschickt und das Bischöfliche vor einem Blutbad bewahrt haben.«

»Freilich.« Für Sabrina handelte es sich schlichtweg um Glück.

»Mara, die Wege des Herrn sind oft unergründlich.«

»Oder die Pläne des Täters«, konterte sie. »Und die müssen wir knacken. Durchaus möglich, dass der Amokläufer sich unter die Opfer gemischt hat, als er uns bemerkt hat.«

»Oder er ist einfach rechtzeitig weg«, warf Chefinspektor Teuschl ein. »Erklärt auch, wieso niemand verletzt worden ist und die Cobra keine Verdächtigen gefunden hat.«

»Macht auch Sinn.« Hutnagl wandte sich an den Kriminaltechniker. »Herr Istel, Ihnen brauche ich nicht zu erzählen, dass die Untersuchungsstraße Platz braucht. Und wo haben wir dafür am meisten Raum?«

Der Techniker legte die Hand auf den Tisch. Der Nagel des linken Daumens ragte einen halben Zentimeter über die Fingerkuppe. Vergeblich hatte Sabrina sich bemüht, es ihm auszureden, doch er hielt es für sein Markenzeichen.»Captain, Wir werden also doch auf dem Sportdeck mit unseren Scannern die Schüler und Lehrer auf Schmauchspuren terranischer Waffen hin testen.«

»Der Star-Trek-Mist geht mir voll auf den Wecker«, fuhr Sabrina Istel an. »Red’ Deutsch mit uns!«

»Ich habe es Ihnen schon beim Herfahren gesagt«, sprang ihr Chef in die Bresche. »Warum lassen Sie den blöden Captain nicht bleiben? Wie oft muss ich Ihnen noch sagen, dass wir weder auf der Enterprise noch im Kindergarten sind?«

Es saß. Istel starrte ins Leere wie ein nass gespritzter Kater.

»Sie bauen im Turnsaal die Sichtungsstraße auf«, setzte Hutnagl nach. »Wenn dann der erste Test bei irgendeinem Schüler oder Lehrer anschlägt, geben Sie mir per Funk Bescheid. Und jetzt ab zu Ihren Leuten und machen Sie Ihren Job. Kommen Sie mir ja nicht auf die Idee, sie mit der Enterprise zu ärgern. Haben wir uns endlich verstanden?«

Wortlos nickte Istel und verließ den Einsatzleitwagen. Die Tür fiel etwas lauter als üblich ins Schloss.


***

 

Das war knapp gewesen, so richtig knapp.

Er hatte es gerade noch nach draußen geschafft, als es geknallt hatte. Die mächtige Eichentür am alten Haupteingang hatte zwar gezittert, jedoch hatte sie der Druckwelle standgehalten. Kein einziger Splitter war auf die Grabenstraße geflogen. Niemand hatte die Explosion bemerkt. Die Autos waren so wie an jedem Tag gefahren.

Trotzdem hatte er weggemusst.

So schnell wie möglich.

Martinshörner. Bald hätte es von Bullen gewimmelt. Gleich wären sie in der Kreuzgasse aufgetaucht. Wenn er sich nicht aus dem Staub gemacht hätte, wäre er ihnen aufgefallen.

Die Polizeisirenen waren näher gekommen. 

Er war höchste Zeit gewesen.

Losgestürmt war er über den Zebrastreifen.

Da hatte seinem Instinkt vertraut.

Rechts hatte sich ihm ein Schlupfloch geboten. Er hatte nur den Fuß auf das Grundstück des Nachbargymnasiums in der Kirchengasse gesetzt, um der Gefahrenzone zu entkommen. Er war über den Parkplatz jener Schule auf die andere Seite gehuscht. Dort war er am Eingangstor stehen geblieben und hatte auf die Bergmanngasse gespäht. 

Rasende Streifenwagen.

Blaulicht.

Martinshörner. 

Ein schwarzes Ungetüm, eine Mischung aus Auto, Laster und Rammbock war an ihm vorbeigeprescht. Aus dem Dach waren zwei Köpfe in Sturmhaube und Einsatzhelm hervorgeragt. 

Cobra, übernehmen Sie.

Bei dem Gedanken hatte er grinsen müssen.

Sie hatten ihn keines Blickes gewürdigt.

Er hatte es geschafft. Es war nach Plan gelaufen. 

Er hatte die Verkehrsader überquert, war einige Straßenzüge weiter gewieselt, bis das Jugendstilhaus am Ende der Grillparzerstraße aufgetaucht war. Das Eingangsgatter im Maschendrahtzaun hatte sich noch nie so leicht öffnen lassen wie heute. Es hatte nicht einmal gequietscht. Ein Zeichen, dass er den Sand im Getriebe seines Lebens beseitigt hatte.

Beschwingt hatte er die Haustür aufgesperrt, war in das Hochparterre geeilt und von dort aus über die Wendeltreppe in den zweiten Stock hochgerannt. Endlich hatte er die Tür hinter sich versperren können. Fürs Erste war er in sicheren Gefilden angekommen.

Im Flur seiner Wohnung sah er im Spiegel die Schweißperlen im Gesicht. Die Haare fielen ihm chaotisch in die Stirn. Der Schweiß hatte dunkle Flecken auf dem T-Shirt hinterlassen. Auch die Hose hatte die Mission nicht unbeschadet überstanden. Aber das war jetzt egal.

Er schaltete den Radiowecker auf der Kommode ein. Antenne Steiermark spielte ein Lied. Vielleicht brachten Sie nach dem Song seine Heldentat zur Sprache.

Neben dem Radio ruhte eine Schachtel Parisienne, in der sich nur noch eine einzige Fluppe befand. Sie lag verkehrt herum in der Packung.

Die Glückszigarette.

Er holte sie hervor und ließ sich auf dem antiken Polstersessel, dem Kanadier, fallen.

»Wir spielen für Sie die aktuellen Hits. Nun kommt der neueste Superhit von Lady Gaga.« Die kräftige Stimme der Sängerin trällerte über den Äther.

Hatte die Polizei ein Nachrichtenverbot verhängt? Wäre ja typisch, wenn sie ihn totschwiegen. Eine Nachrichtensperre hielt ihn nicht auf. Dafür sorgten allein Facebook, Twitter und die Videoportale. Sobald er die folgende Aktion startete, musste man darüber reden. Spätestens dann kehrte ihn niemand mehr unter den Teppich.

Ein Griff nach dem Feuerzeug erweckte einen Augenblick später die Flamme zum Leben. Kurz darauf glühte der Tabak auf. Wie schön, sich nach der erfolgreichen Mission zu entspannen. Die Zigarette half, das Lied abzuwarten.

Die letzten Takte verstummten. 

Es durfte nicht wahr sein.

Ohne Kommentar spielten sie noch einen Song.

Sie versuchten, ihn zu ignorieren. Lächerlich. Eine SMS an den Medienmann reichte aus, um das Problem aus der Welt zu schaffen. Doch galt es nun, den restlichen Glimmstängel zu genießen.

»Hier ist Antenne Steiermark mit einer Sondermeldung: Amoklauf im Bischöflichen Gymnasium. Die Cobra ist in die Schule eingedrungen und sucht den Täter. Wie viele Opfer die Wahnsinnstat gefordert hat, können wir noch nicht sagen. Wir werden Sie informieren, sobald es Neuigkeiten gibt. Bleiben Sie dran.«

Nichtssagend.

Dennoch konnte er einiges damit anfangen. Sie hatten soeben bestätigt, dass ihm Zeit blieb. Während die Cobra im Bischgym herumirrte, bereitete er sich in der Wohnung in aller Ruhe auf Phase Zwei vor. Er dämpfte die Zigarette aus, erhob sich aus dem Armsessel, entledigte sich der Bermuda und befreite sich vom schweißgetränkten T-Shirt. Wie schön, ein letztes Mal den Teppichboden unter den nackten Füßen zu spüren. Wie herrlich, barfuß für eine Dusche in das Badezimmer zu schreiten.

Erstmals stand in der Kabine ein Held, der notfalls zum Sterben bereit war. Das Wasser prasselte auf seinen Körper, es massierte die Schultern und floss die Arme hinab. Über die Finger lief es, ehe es sich an den Fingerkuppen sammelte und in die Duschtasse abtropfte.

Ich wasche meine Hände in Unschuld.

Das Warmwasser verlor an Kraft. Er drehte den Armaturenhebel nach rechts und genoss den wärmeren Strahl.

Noch verstand niemand, dass er in Wahrheit dem Bischgym gedient hatte und es von Todesernst erlöst hatte.

Nach dem überraschenden Ableben des Vorgängers hatten sich Lehrer, Eltern und Schüler in einem Brief an den Bischof für den beliebten Chemieprofessor eingesetzt. War auch logisch, denn der hatte an die Talente in allen Jugendlichen geglaubt und sie motiviert. Todesernst hingegen hatte sogar nach dem Abitur den Vätern seiner »Lieblinge« gesteckt, dass sie zu blöd für ein Studium seien.

Todesernst hatte die Strippen in der Kirche gezogen, um sich selbst zum Direktor zu küren. Angeblich hatte der Chemiker auf den Posten verzichtet, um Administrator zu werden. Dabei wusste doch jeder, dass dieser Schritt genauso freiwillig wie die Teilnahme des Klosterschülers an der Klassenmesse ablief.

Keine Frage, er duschte sich in Unschuld.

Sanft trug er das Shampoo auf die Haare auf. Er schloss die Augen und wusch sich die Haare. Das Kraulen der Finger auf der Kopfhaut fühlte sich herrlich an. Das Wasserrauschen wirkte wunderbar entspannend. Frische verdrängte das abgekämpfte Gefühl. Er lauschte dem Prasseln der Tropfen in der Duschtasse. Später öffnete er den Mund und ließ es in den Rachen regnen. Es füllte die Wangen aus. Dann schluckte er und nahm bewusst wahr, wie dass Nass seinen Weg in den Magen fand. Es erquickte ihn.

Wasser des Lebens.

Bis gestern hatten alle unter Todesernst gelitten. Der Tyrann war das volle Programm gefahren, um so manchem den Alltag madig zu machen. Aber heute war der Tag der Abrechnung gekommen.

Wasser des Todes.

Als Einziger in der Stadt besaß er es. Wenn er es über Graz regnen ließ, konnte er Tausenden ein qualvolles Ende bescheren.

Noch wusste das keine Seele. 

Tabun hieß die letzte Option.

Der Feldzug hatte erst begonnen.

Paukenschläge, Trompeten und Trommeln aus dem Radio rissen ihn aus seinen Gedanken. Er drückte auf den Armaturenhebel, stieg aus der Dusche und trocknete sich ab. Aus dem Badezimmer eilte er ins Wohnzimmer.

Dramatische Musik im Hintergrund begleitete die Worte der Sprecherin. »Antenne Steiermark hat das Programm geändert und informiert Sie laufend und aktuell über den Amoklauf im Bischöflichen Gymnasium. Unser Reporter Norbert Fink ist für uns live vor Ort. Hallo Norbert?«

»Hallo Michaela«, erwiderte Fink die Begrüßung.

»Es soll im Bischöflichen einen Amoklauf gegeben haben.  Weißt du inzwischen mehr darüber?«

»Nun. Eine schwarz vermummte Person ist heute früh in das Bischöfliche Gymnasium eingedrungen. Der Täter hat im sogenannten Lindenhof das Feuer eröffnet und dürfte den Direktor erschossen haben. Ob es weitere Tote oder Verletzte gibt, kann man noch nicht sagen. Gerüchten zufolge hat der Täter auch eine Handgranate gezündet. Die Cobra ist bereits in die Schule eingedrungen, um den Amokläufer zu stoppen.«

»Was siehst du im Moment?«, hakte die Moderatorin nach. »Kannst du uns die Situation schildern?«

»Also: Ich befinde mich in der Grabenstraße vor dem Bischöflichen Gymnasium in Graz. Man sieht hier nichts außer Chaos. Es ist ein Blaulichtmeer aus vielen Rettungswagen, Notarztwagen, Polizeiwagen. Natürlich ist es auch schwierig für die Eltern, die besorgt sind um ihre Kinder. Die mit ihren Kindern in Verbindung stehen über Handy, die klarerweise auch das Verkehrschaos mitverursachen. Ob es weitere Tote und Verletzte gibt, kann man derzeit noch nicht sagen. Ebenso weiß man noch nicht, ob sich der Täter irgendwo im Gebäude verschanzt oder die Flucht ergriffen hat.«

Triumphierend ballte er die Faust.

»Ist über diesen mutmaßlichen Täter irgendetwas bekannt?«

»Nein, also ich versuche, Kontakt mit dem Pressesprecher der Polizei herzustellen. Aber hier ist ein derartiges Chaos. Ich habe ihn nicht ausfindig machen können und rund um das Bischöfliche Gymnasium herrscht natürlich Ausnahmezustand. Moment«, Norbert Fink stockte, »Ich erfahre gerade, dass man demnächst mit der Evakuierung beginnen will.«

»Antenne-Korrespondent Norbert Fink live vor dem Bischöflichen Gymnasium in Graz, wo sich ein Amoklauf ereignet hat. Wir halten Sie weiter auf dem Laufenden.«

Dafür sorge ich, ihr werdet heute noch weltberühmt.

Zeit für Phase Zwei.

Über die Kleidung für die kommende Etappe brauchte er nicht lange nachzudenken. Gestern hatte er sie auf einem Hocker hergerichtet. Nach Slip, Socken und Bermudahose band er sich den Geldgurt, mit dem er die Schlüssel transportierte, um den Leib. Darüber zog er sich ein T-Shirt, auf dem ein blaues Blitzsymbol prangte, an.

Hier konnte er, hier durfte er auf keinem Fall bleiben. Norbert Fink hatte es ihm soeben bestätigt. Die Cobra wusste es schon. Bald war es auch dem LKA klar, dass im Bischgym ein Todesritter den Tyrannen hingerichtet hatte. Spätestens, wenn die Polypen das Foto fanden, kämen sie dahinter, wer hinter der Hinrichtung von Todesernst stand.

Also weg, bevor die Zeit ablief.

Er steckte das Feuerzeug und eine frische Packung Zigaretten in die Hosentasche. Das Smartphone blieb für eine ultimative Funktion auf der Kommode zurück. Stattdessen schnappte er sich den bereitgelegten USB-Stick. Im Flur schaute er mit Wehmut in die Wohnung. Hierher war er nach dem Abitur gezogen. Nun verließ er sie für immer.

Die Tür fiel mit lautem Hall ins Schloss. Raschen Schrittes lief er die Wendeltreppe hinab, bis er den Keller erreichte. Die allerletzte Fahrradfahrt seines Lebens stand auf dem Programm. Er schob das blaue Herrenrad durch die hintere Kellertür.

Nicht auffallen, ermahnte er sich. Dennoch beäugte er die Hecken auf beiden Seiten, die ihn vor neugierigen Blicken schützten.

»Hast du schon gehört?«, vernahm er eine Frauenstimme vom Grundstück nebenan. »Im Bischöflichen hat es einen Amoklauf gegeben.«

»Dass so etwas bei uns passiert«, antwortete eine andere Frau. »Ich mache mir solche Sorgen um den Rupert.«

»Um Gottes willen. Der geht ja dort in die Schule.«

Ignorieren!, befahl er sich.Für einen Todesritter von Graz gab es heute noch viel zu tun. Er rollte den Drahtesel durch den überdachten Durchgang, schwang sich auf den Sattel und fuhr los.

  Blinde Wut - Lesung aus Todesernst