Sie arbeitet nebenher in der Rechtsmedizin

VORGELADEN

Uli BlatterHier nehmen wir die Autoren der „Criminale 2010“ mit jeweils 10  Fragen ins Verhör. Vom Aussageverweigerungsrecht nach § 136 der Strafprozessordnung können die Damen und Herren anders als die Täter in ihren Büchern leider keinen Gebrauch machen. Stattdessen wird es gern gesehen, wenn sie sich durch eine wahrheitsgemäße Aussage selbst belasten. Heute vernehmen wir die 1962 in Köln geborene Krimiautorin

Ulrike Blatter

1. Wie lassen Sie Ihre Opfer am liebsten beseitigen, traditionell mit Schusswaffe und Messer, hinterlistig mit Gift oder lieber auf eine ganz besonders perfide Weise (abgeschraubte Bremsbeläge etc.)?
Eher traditionell. Nimmt man nicht für einen Mord sowieso das, was gerade so zur Hand ist? Nun, manchmal ist eine Schusswaffe im Haus, manchmal der Schraubenzieher (zum Abschrauben der Bremsbeläge). Generell sind für mich die Beziehungen zwischen Täter und Opfer und der Weg zur Tat am spannendsten. Wie sich ein Konflikt aufschaukelt und wie man dann in solch eine Tat so ganz zufällig hineinschliddert. Wenn sich der Leser erschrocken wiedererkennt, bin ich zufrieden.

2. Mit welchem Tatwerkzeug arbeiten Sie selbst am liebsten (Bleistift, Kugelschreiber, Laptop)? Und wie bringen Sie sich vor der Tatausübung in Stimmung (Kaffee, Whisky, Brahms)?
Bleistift, Kaffee, Mohngebäck

3. Haben sich Familie und Freunde eigentlich nach Ausbruch Ihrer Leidenschaft von Ihnen abgewandt oder decken sie gar Ihr ruchloses Treiben?
Als ich in der Rechtsmedizin arbeitete, haben sich zart besaitete Freunde von mir abgewandt – halt, das stimmt nicht. Wenn ich es recht überlege, hatte ich auf einmal sehr viel mehr interessierte Freunde. Habe ich da unter Umständen ein paar Mordsgedanken erst so richtig auf die Sprünge geholfen? Bin ich da vielleicht in etwas reingeschliddert. Jedenfalls erreichen mich immer besorgte Leseranfragen, die sich nach dem Wohlergehen meines Ehemannes erkundigen….

4. Was haben Sie gemacht, bevor Ihre kriminellen Machenschaften an die Öffentlichkeit gerieten? Verfügen Sie über eine solide Ausbildung?
Ich bin die Ärztin Ihres Vertrauens – d.h. ich befinde mich immer auf der richtigen Seite der Spritze! Das heißt, ich habe mein kriminelles Handwerk auf eine solide rechtsmedizinische und psychiatrische Basis gesetzt. 

5. Könnten Sie sich vorstellen, nach einer Art Resozialisierungsmaßnahme wieder ein ganz normales Leben zu führen, als Bankangestellter vielleicht oder Lehrer? Oder gehen Sie gar zur Tarnung Ihrer Tätigkeit nach wie vor einem bürgerlichen Beruf nach?
Wer kann schon vom Schreiben leben? Heiße ich etwa Rowling? Und was ist schon ein „normales“ Leben? Wenn ich auf der einen Seite meine Patienten betrachte, die vom Schicksal durchgerüttelt, häufig auf der Schattenseite stehen und dagegen so manchen erfolgsgewöhnten Aufsteiger, dann verdienen meine „nicht normalen“ Patienten Sympathie und Achtung für ihre Lebensleistung. Man wird bescheidener.

6. Wissen Sie selber schon immer vor Beginn Ihres Romans, wer der Täter sein wird, oder lassen Sie sich auch gerne mal selbst überraschen?
Den Täter kenne ich, aber ich bin immer wieder überrascht, welche Wege sich die Handlung sucht. Meist schreibe ich die Abschlussszene schon zu Beginn meiner Arbeit. Ich gehöre aber nicht zu denjenigen, die sofort die letzten Seiten eines Buches aufschlagen!

7. Wie aufwendig ist Ihre Recherche? Sind Ihnen Originalschauplätze wichtig, oder konstruieren Sie sich lieber einen perfekten Tatort?
Ich recherchiere sehr aufwändig und hartnäckig. Meine Tatorte kenne ich alle aus persönlicher Anschauung. Manchmal kommt es zu längeren Unterbrechungen beim Schreiben, weil ich einen bestimmten Ort zu einer bestimmten Jahreszeit aufsuchen musste um die richtige Atmosphäre zu schnuppern. 

8. Welches Ihrer Bücher halten Sie selbst für das beste, und warum ist es Ihrer Meinung nach besonders gut?
„Fluchtpunkte“, der dritte Band meiner Trilogie rund um Kommissar Bloch. Er verbindet zeithistorische Themen mit einer fantastischen Krimihandlung, welche allerdings auch sprachlich die Genregrenzen sprengt, so dass sich die Verlagssuche äußerst schwierig gestaltet.

9. Wie viele Bücher gibt es bei Ihnen zu Hause?
Demnächst kommt der Statiker, um die Tragfähigkeit unseres Hauses zu überprüfen. Ich habe keine Ahnung, wie viele Bücher wir besitzen. Sie verstecken sich überall, sogar im Badezimmer. Meine Kinder sind mittlerweile auch schon lesesüchtig. Außerdem ist es mit den Büchern wie mit Karnickeln: sie bekommen ständig Junge!

10. Und zum Abschluss noch die Gretchenfrage: Glauben Sie an das perfekte Verbrechen oder erhält jeder Täter am Ende doch immer seine gerechte Strafe?
Leider ist es in der Realität eher umgekehrt: die Opfer erhalten lebenslänglich ihre ungerechte Strafe. Ich habe beruflich sowohl mit Tätern als auch mit Opfern zu tun gehabt und habe dieses traurige Faktum immer wieder beobachtet. Täter, ob entdeckt oder in Freiheit, haben effiziente Strategien um hervorragend mit ihren Tat-Sachen leben zu können: Verdrängen, Verleugnen, Rechtfertigen, Heroisieren … Das menschliche Gewissen lässt sich beruhigen, die verletzte Seele leider kaum.